Leben nach der Bombe

 

 

Larry Jefferson wurde mit Ende zwanzig ein Opfer des Attentats auf das La Belle. Er blieb in Berlin, er blieb zurück

 

Berlin, im Februar. Es war damals die falsche Entscheidung, sie war wirklich furchtbar falsch, und Larry Jefferson wird den Moment in seinem Leben nicht vergessen. Sie waren an dem Abend zum Kurfürstendamm gefahren, er und sein Kumpel Larry, weil am Kurfürstendamm so ein Straßenfest laufen sollte. Der Typ von der Achterbahn drückte ihnen dort ein Mikrofon in die Hand, und Larry und Larry fingen an zu rappen. Viel Volk strömte heran, und der Typ von der Achterbahn sagte, bleibt um Gottes willen hier, macht weiter, ihr schaufelt mir die Kunden rein.

An Jefferson hat es nicht gelegen, er wollte bleiben. Es machte ihm Spaß, aber sein Kumpel sagte, lass uns abhauen, wir ziehen uns um und gehen dann in diese Diskothek, da sind heute viele Mädchen. Larry Jefferson ließ sich breitschlagen. Die beiden amerikanischen Soldaten fuhren mit dem Taxi in die Kaserne, putzten sich heraus, so richtig vom Feinsten, und betraten um 0.30 Uhr die Diskothek. Es war der 5. April 1986, und die Diskothek hieß La Belle. Achtzig Minuten später ging die Bombe hoch. Drei Menschen wurden getötet und über zweihundert verletzt.

Larry Jefferson aus Charleston, North Carolina, dreizehntes von zwanzig Kindern, ist heute 44 und ein großer, schlanker Mann. Er sieht gesund aus. Er ist kein Soldat mehr und lebt allein in einer Ein-Raum-Wohnung in Berlin, die das Sozialamt bezahlt. Sein alter, kleiner Fernsehapparat hat keine Fernbedienung. Jefferson besitzt kein Handy und kein Festnetztelefon. Er hat eine Ex-Frau. Zum Schmuck des Raumes hat er ein großes Filmplakat an die Wand geklebt, "Die Maske des Zorro" mit Anthony Hopkins und Antonio Banderas. Jefferson lächelt viel und wirkt wie ein zufriedener Mann, aber zufrieden kann er nicht sein, weil die Dinge nun anders sind, als er sie geplant hatte. Das Attentat hat sein Le-ben verändert, man könnte sagen, es hat es ihn aus der Bahn geworfen.

Als die Bombe explodierte, ging die Sache für Larry Jefferson irgendwie noch glücklich ab. "Ich lehnte mit einem Mädchen an einer dieser dicken Säulen. Es war schon alles klar zwischen uns, wir wollten zusammen nach Hause gehen. Bei der Explosion hat uns die Säule geschützt."

Als er aus der Diskothek heraus war, schien es Jefferson, als sei ihm nichts passiert. Er fuhr in die Kaserne und wollte sich schlafen legen, aber die amerikanische Militärpolizei brachte ihn ins Krankenhaus. Er stand unter Schock und seine Trommelfelle waren zerstört. Mit neunzehn Jahren war er zur Armee gegangen. Dieser Abschnitt war jetzt zu Ende, aber das konnte Larry Jefferson noch nicht wissen.

Vielleicht war er ein Michael Kohlhaas der amerikanischen Berlin Brigade, jemand mit großem Gerechtigkeitssinn, jemand, der nicht mit sich umspringen lässt. "Als ich aus der Klinik entlassen wurde", sagt er, "war ich für dreißig Tage krankgeschrieben. Der Krankenschein sollte erst später mit der Post eintreffen. Weil ich also dieses Papier in der Kaserne nicht gleich vorzeigen konnte, sollte ich sofort wieder zur Ausbildung ins Gelände. Das habe ich abgelehnt."

Damit war sein ursprünglicher Lebensplan zu Ende. Jefferson wollte ein großer Ausbilder werden für die neuen Soldaten. Ein großer Ausbilder, so sagt er das. Als er jung war, hat er staunend aufgeschaut zu dem großen Seargant und staunend beobachtet, wie der so ein Maschinengewehr auseinander nimmt. Schau mal den an, hat er dann immer gedacht, wie der das macht, das würdest du auch gern können. 1986 war er auf dem Weg dorthin. Eigentlich sollte Larry Jefferson in der nächsten Zeit zum Seargant befördert werden, aber seine Vorgesetzten zogen diesen Vorschlag nach der Befehlsverweigerung des krankgeschriebenen Soldaten zurück. Da hat es ihm gereicht. Da hat er gesagt, von diesem Tag an ziehe ich diese Uniform nicht mehr an, diese Uniform bedeutet mir nichts mehr.

"Ich hatte fast mein Leben verloren und wollte nur meine Gesundheit wiederhaben. Ich konnte nichts dafür, dass Reagan und Ghaddafi etwas miteinander abzumachen hatten. Was hatte ich denn damit zu tun? Ich war einer der besten Soldaten, Mann, wer konnte schneller laufen, wer konnte besser schießen?"

Larry Jefferson aus Charleston, North Carolina, gab seine Uniform ab. Amerikas Präsident Reagan hatte ihm wie den anderen amerikanischen Opfern des Anschlags auf die Diskothek einen hohen Militärorden verliehen, das "Purple Heart". Die Auszeichnung ist in Jeffersons Entlassungspapier vermerkt. Bekommen hat er den Orden nie.

Das Jahr 1986 ist lange her, aber es wird in dieses Jahr hineinragen, in das nächste und wahrscheinlich in alle, die für Larry Jefferson noch kommen. Es ist zu viel übrig geblieben. Zum Beispiel kann es schwierig werden, wenn eine Frau neben ihm schläft. Er hat immer mal wieder diese Träume. Dann ist er in dieser Diskothek La Belle und kämpft mit Arabern. Als er noch verheiratet war, musste er immer auf der Couch schlafen, jahrelang auf der Couch, weil er seine Frau im Schlaf gewürgt hat.

Zum Beispiel weiß Jefferson auch nicht, wie er das nächste Mal nach Hause kommen soll, nach Charleston. Sein Bruder Fred hat dort eine kleine Teppichfirma. Der andere, Curtis, ist großer Chef bei einem Unternehmen, das Kriegsschiffe und Panzer repariert, und seine große Schwester Geraldine arbeitet für den Gouverneur. Vielleicht muss er ein Schiff nehmen, denn fliegen wird er nicht mehr. Er wird keine Diskothek mehr betreten und ein Flugzeug eben auch nicht. Vor fünf Jahren hatte Geraldine ihm ein Ticket geschickt, er sollte nach Hause kommen, aber Larry Jefferson ist nicht geflogen. Er dachte, er steht es nicht durch. "Es ist wie Paranoia", sagt er. Solche Gedanken hatte er vor dem 5. April 1986 nicht.

Das Attentat lag ungefähr zwei Monate zurück, als Jefferson aus der Armee entlassen wurde. Er hatte 809 Dollar in der Tasche und sonst nichts, aber in Berlin, glaubte er da noch, könne er sich etwas aufbauen. Die Stadt gefällt ihm. Die Menschen, sagt er, sind in Ordnung, und hier ist das Leben nicht so gewalttätig wie in Amerika. "In Berlin ist es wie im Paradies, vom Feinsten", sagt er, und es sieht so aus, dass er es ernst meint.

So fing Larry Jefferson damals an zu arbeiten. Er verdiente 1 900 Mark als Tellerwäscher, schleppte Möbel, fuhr Lastwagen, alles in festen Jobs. Nach drei Jahren bekam er Probleme mit dem Rücken, war dreißig Wochen krank wegen dieser Schmerzen, aber die Ärzte fanden keine körperliche Ursache. Der Berliner Anwalt Ulrich Müller hat beim La-Belle-Prozess Jefferson und andere Betroffene vertreten. "Diese Symptome am Rücken", sagt er, "finden sich bei vielen, die an jenem Abend in der Diskothek waren. Bei allen hat das psychische Gründe."

Jefferson, ein schlanker, durchtrainierter Mann, konnte nichts mehr tragen und nicht mehr lange stehen. Er bekam nur noch ABM-Jobs, leichte Arbeiten, wie man sie Versehrten gibt. In einem Park harkte er ein bisschen die Wiese. In einer Baumschule wurde er Pförtner. Er reparierte alte Fahrräder, aber da machte die Luftdruckpumpe Geräusche, die er psychisch nicht aushalten konnte.

Eines Tages wurde Jefferson irrtümlich von der Polizei wegen eines Diebstahls bei Karstadt verhaftet, den ein anderer begangen hatte. Karstadt-Detektive hatten bei einem Dieb einen abgelaufenen Pass Jeffersons gefunden, den er verloren hatte. Als sich der Irrtum geklärt hatte und er nach drei Tagen auf seine ABM-Stelle zurück wollte, bekam er seine Papiere mit der Begründung, dass er die Firma in diesen drei Tagen zu viel Geld gekostet hätte. Da wurde aus Larry Jefferson wieder Michael Kohlhaas.

Er fand, dass es ungerecht war. "Ich hätte in diesem Land sterben können, aber die verhaften mich grundlos und ich verliere meine Arbeit. Ich habe der Polizei gesagt, jetzt gehe ich wirklich zu Karstadt und klaue so lange, bis ich die Summe von den sechzehn ausstehenden Monatslöhnen zusammenhabe. Bis das ausgeglichen ist. Ihr könnt mich wieder verhaften, sagte ich, aber in ein oder zwei Tagen bin ich wieder draußen und mache weiter. Oder ihr gebt mir eine leichte Arbeit und eine Entschuldigung." Es ging um 1 900 Mark mal sechzehn, Larry Jefferson hatte es sich genau ausgerechnet. Sechzehn Monate hätte er in der Baumschule noch arbeiten können.

Er klaute immer nur bei Karstadt. Die hatten nach seiner Meinung das Feuer angezündet, als sie nach dem ersten Diebstahl der Polizei den falschen Mann meldeten. Er klaute Videorekorder, CD-Wechsler, Hosen, Jacken. Wenn er erwischt wurde, bekam er Geldstrafen, aber bevor die amtliche Mitteilung in seinem Briefkasten lag, war er schon wieder auf Tour gegangen. Er hat einfach nicht aufgehört. Noch heute hat er Hausverbot bei der Kaufhauskette in ganz Berlin.

Wenn er davon erzählt, ist er wütend, aber man sieht es ihm nicht an. Jefferson ist wohl im Grunde ein entspannter Mann. Er klagt nicht einmal richtig darüber, dass er ein Sozialfall ist. Gerade hat er sich sieben Zigaretten gekauft, dafür reichte sein Geld. Manchmal kriegt er welche geschenkt, von Nachbarn, die wissen, dass er nichts hat. Von Zeit zu Zeit hilft er einer Bekannten in ihrem Imbissstand. Dort putzt er das Fett weg und bekommt dafür zu essen. Abends sitzt er oft zu Hause vor dem Fernseher. Oder er geht in die Küche und kocht sich was Schönes. Das hat er alles von seinen Schwestern und seiner Mutter gelernt, also wie man kochen muss. In seiner Wohnung steht nicht viel, aber er sagt, dass es bei ihm immer sauber ist.

Die alten Kumpels aus dem La Belle sieht Jefferson höchstens noch zufällig. Ein paar sind in Berlin hängen geblieben. Troy Ewing ist noch da, sein Rücken ist kaputt. Gerald Ford ist hier und hat auch Schwierigkeiten mit dem Rücken. George, ja George hat keine Arbeit, genau wie Anthony Sailor. Patrick liegt gerade im Krankenhaus, er hat Probleme mit dem Kopf, kann irgendwie nicht mehr klar denken.

So geht es denen, die am 5. April 1986 dabei waren. Als sie vor Gericht aussagen mussten, hat Jefferson sie alle gesehen. Und auch die Mädchen, Katja, die Anja, Yvonne. Sie weinten, als sie vom Richter befragt wurden, und Larry Jefferson weinte auch. Er ist dann richtig ausgeflippt. Wenn sie euch rauslassen sollten, brüllte er die Angeklagten im Gerichtssaal an, ich schwöre bei Gott, ich mache euch alle fertig. Kommt raus, ihr Penner, brüllte er, wir machen das draußen unter uns ab, und als er sie Penner nannte, lachten die Zuschauer.

Damals war Jefferson Zeuge, aber nach seinen Karstadt-Diebstählen musste er als Angeklagter zum Gericht. Seine Selbstjustiz funktionierte nicht, und ein paar andere kleine Dinger hatte er auch noch gedreht. Dafür sollte er eigentlich ins Gefängnis, aber bei der Berufung im letzten Jahr hatte er mit dem Richter Glück. Der hörte sich die ganze lange Geschichte an, die seit dem Attentat. Der wollte ihm eine Chance geben. Jetzt wartest du, sagte er, und bleibst sauber, vielleicht bekommst du von den Libyern eine Entschädigung. Jefferson ging mit einem Jahr auf Bewährung aus dem Saal.

Und so wartet er jetzt. Dass Libyen dazu bewegt werden kann, den "La Belle"-Opfern eine Entschädigung zu zahlen. So lange lebt Larry Jefferson von 260 Euro im Monat. Er kann nur bei Lidl oder Aldi einkaufen. Ins Kino kann er nicht gehen, und wenn er einer Freundin was bieten will, dann reicht es nur für die frische Luft im Park. Aber er meckert nicht über das Sozialamt. Wenn er zum Sozialamt geht, sagt er immer bitte und danke, denn die sind ja nicht schuld an seiner Situation. "Guck mal", sagt er, "die haben mir Möbel gegeben, so was gibt es in Amerika nicht."

"Ich hatte fast mein Leben verloren und wollte nur meine Gesundheit wiederhaben. Ich konnte nichts dafür, dass Reagan und Ghaddafi etwas miteinander abzumachen hatten. Was hatte ich denn damit zu tun?"

Larry Jefferson.

MIKE FRÖHLING.