Der Meister

 

Der Fall "Meister" Hüseyin Yildirim

Yilderim
 

Der Meister Hüseyin Yildirim war einer der wichtigsten Spione der DDR. Die USA verurteilte ihn zu lebenslanger Haft. 2003 wurde er in die Türkei überführt und dort freigelassen.


Es ist Frühling in Istanbul, mir gegenüber sitzt ein kleiner freundlicher Mann, der mich an Dany De Vito erinnert. "Alles ist wie ein Traum, ich kann es kaum glauben, muss die Menschen anfassen, um zu erkennen ja, es ist wahr", sagt er. "Ich bin frei." Hüseyin Yildirim (76) ist der letzte DDR-Spion, der in den USA im Gefängnis saß. Er hätte auch dort sterben sollen, denn als er 1989 in Savannah/ Georgia wegen Spionage für die DDR verurteilt wurde, lautete der Richterspruch: Lebenslänglich, ohne Bewährung. Ein Todesurteil auf Raten. "Es war ein Desaster. Jeder Agent hat doch eine Regierung hinter sich. Ich hatte sie nicht. Als ich verhaftet wurde, gab es die DDR noch. Ich glaubte fest daran, dass die mich da rausholen, wie auch immer." Die - damit meint Yildirim die HVA und deren Chef Markus Wolf, doch mit der Mauer fällt 1989 jeder Rückhalt für den Top-Agenten. Zwar versucht DDR Star- Anwalt Wolfgang Vogel noch, mit den Amerikanern über einen Agentenaustausch zu verhandeln, aber seine Bemühungen gehen in den Wirren der Wende unter. Fünfzehn Jahre Hochsicherheitsgefängnis. Fünfzehn Jahre Warten auf den Tod. Zuletzt saß Yildirim in Pollock/ Louisiana ein, dem modernsten Gefängnis der USA, zusammen mit Mördern und Schwerverbrechern. Sein Zellennachbar war einer der Männer, die 1993 den ersten Anschlag auf das World Trade Center verübten, bei dem sechs Menschen starben.


Zu keiner Zeit halfen deutsche Behörden der Familie, die seit den 60er-Jahren in Deutschland lebt. Yildirim hat für die DDR spioniert - deren Rechtsnachfolger fühlt sich nur für die deutschen Agenten im Ausland verantwortlich, die auch einen deutschen Pass haben. Yildirim hat einen türkischen. Nur seine alten Dienstherren blieben ihm treu. Markus Wolf persönlich hat maßgeblichen Anteil daran, dass Yildirim heute wieder bei seiner Familie sein kann. In Petitionen an den amerikanischen Gnadenstaatsanwalt setzte er sich ebenso für Yildirim ein wie in Beratungen mit der Türkei, die schließlich zur Freiheit führten. Vielleicht wollte Wolf sich mit seiner Hilfe auch bedanken: Bei einem Mann, der es schaffte, in das geheimste Objekt der Alliierten in Europa einzudringen, die Field Station Berlin auf dem Teufelsberg. Jenes gigantische Ohr des Nationalen Sicherheitsdienstes der USA, das mit ausgefeilter Antennentechnik bis weit nach Russland den Funkverkehr des Warschauer Paktes abhören konnte. Welchen Grund konnte es für Yildirim geben, sich auf dieses riskante Unternehmen einzulassen? "Ich wollte ein besseres Leben, für mich und meine Familie" sagt Yildirim und lächelt.

 

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Anmerkung: Der abgebildete Installation Pass, mit dem roten HQ (Headquarters) und dem grünen POV (private owned vehicle) Stempel berechtigte den Inhaber, die meisten US-Einrichtungen zu betreten, bzw. mit dem Privatfahrzeug zu befahren.

 

 

Hüseyin Yildirim kam in den 70er-Jahren nach Berlin. Er war kein gewöhnlicher Gastarbeiter, er wollte nach oben. In Süddeutschland hatte er bei Mercedes Benz als Kfz-Meister gearbeitet und nebenbei eine Vielzahl von Geschäften angefangen. Diamantenhandel, Versicherungen, Anlageberatung. Auf seiner Suche nach neuen Geschäftspartnern sprach er 1979 in Ost- Berlin bei der HVA vor. Er hatte "Geschäfte anzubieten", sagt sein ehemaliger Führungsoffizier, Horst.S.


Die HVA interessiert sich zu dieser Zeit vor allem für die Abhörstation auf dem Teufelsberg. Auch der große Bruder - die Sowjetunion - will wissen, was da passiert. Doch das Gelände ist hermetisch abgeriegelt. Nur streng überprüfte Soldaten des INSCOM - die Geheimdiensteinheit der US-Armee - kommen hier herein. Sehr schnell findet Yildirim eine Stelle als KFZ-Meister im "Auto Craft Shop", der Selbsthilfewerkstatt für die US- Soldaten in der größten US-Kaserne - den Andrews Barracks in der Lichterfelder Finckensteinallee. Hier ist er nach kurzer Zeit sehr beliebt, wird von allen "The Meister" genannt. In dieser Werkstatt verkehren vor allem die Soldaten jener INSCOM-Einheit, die auf dem Teufelsberg im Schichtdienst 24 Stunden den Feind abhören. Von der HVA hat Yildirim den Befehl, hier Kontakte zu solchen Soldaten aufzubauen, die Zugang zu den geheimen Informationen haben.

Wie ist er dabei vorgegangen? "Man braucht Zeit", sagt Yildirim, "immer wieder muss man Vertrauen schaffen, Ich habe es bei vielen versucht, das war nicht einfach. Einer, bei dem ich es geschafft habe, war James Hall". Beim FBI ist man noch heute der Meinung, Yildirim habe viele GI's mit seinem Charme und seiner Menschenkenntnis davon überzeugt, dass es doch nicht wirklich schlimm sei, ein paar Geheimnisse zu verkaufen. Nach jahrelanger Recherche stoße ich dabei auf einige Namen: Johnson, Savoy, Taylor, Wynn. Namen, zu denen es keine Gesichter mehr gibt. Entweder sind die Soldaten jung verstorben oder unauffindbar. FBI-Agentin Kate Aleman, die später die Ermittlungen im Fall Yildirim bis in die neunziger Jahre hinein leitet, will oder darf nicht mit mir sprechen. Barry Colvert, jener FBI-Agent, der Yildirim jahrelang in der Haft verhörte, sagt: "Ich darf die Namen, die Sie nennen, nicht bestätigen, aber es gab andere neben James Hall, das wissen wir." Dass die USA bis heute glauben, Yildirim halte Informationen und Agenten-Namen zurück, hält Anwalt Nichols für absurd. "All dies diente doch immer nur dazu, ihn weiter gefährlich zu machen, damit er im Gefängnis stirbt", sagt Nichols. "Welchen Sinn macht es für Hüseyin nach zehn, zwölf, fünfzehn Jahren, noch etwas für sich zu behalten ?"

Bei dem jungen Warrant Officer James W. Hall trifft Yildirim damals ins Schwarze. Der hat gerade seine deutsche Frau Heidi G., eine junge Bedienung aus einem bayerischen Lokal, geheiratet. Sie haben bereits zusammen ein Kind. Hall will, wie Yildirim, mehr vom Leben haben, als es ihm sein Gehalt ermöglicht. So kommen die beiden ins Geschäft. Hall hat die höchste Geheimhaltungsstufe, er arbeitet im geheimsten Turm auf dem Teufelsberg überhaupt, dem kleinen unscheinbaren, ganz links neben den großen Türmen, dort wo die Funksprüche analysiert und entschlüsselt werden. In den nächsten sieben Jahren werden Hall, Deckname Paul und Yildirim, Deckname Blitz, Tausende streng geheimer Dokumente, darunter Nato-Strategie-Papiere oder etwa die Studie Canopy Wing an die HVA und die Russen liefern. Wie konnte es möglich sein, dass ein kleiner türkischer KFZ-Mechaniker über Nacht das geheimste System der USA in Europa knackte? War es nicht außerordentlich schwierig, die Dokumente von James Hall zu bekommen? "No this was a piece of cake for me, I was a real professional.", sagt Yildirim.

Man stellt sich vor, wie streng die Sicherheitskontrollen gewesen sind, man denkt an James Bond, ausgehöhlte Füller oder Spazierstöcke mit Giftspitzen. - Weit gefehlt. Im echten Agentenleben geht es schlichter zu. Klaus Eichner, der bei der HVA die Dokumente zu bewerten hatte, erzählt: "James Hall hatte an uns nur eine Bedingung gestellt. Er wollte gerne eine Sporttasche, wie sie die Amerikaner zu hunderten dort rumgeschleppt haben, aber mit einem doppelten Boden." Unglaublich, aber wahr: Eine einfache Sporttasche genügte, um geheimste Papiere aus dem Objekt zu schmuggeln. James Bamford, Bestseller-Autor vieler Geheimdienstbücher (unter anderen "Inside the NSA", "Body of Secrets") aus Washington, der den Fall kennt und Yildirim im Gefängnis in Memphis besuchte, spricht von gravierenden Mängeln im Sicherheitsbereich: "Das Problem besteht darin, dass die Leute vor ihrer Geheimdiensttätigkeit durchleuchtet werden, mit Lügendetektortests. Ihre Vergangenheit wird penibel überprüft und so weiter. Nur: Die wenigsten sind von Anfang an Spione. Sie werden meistens erst Jahre später angeworben, aber zu dieser Zeit werden sie eben nicht mehr richtig überwacht." Diese Überwachung oblag einem Mann, der untrennbar mit Yildirims Schicksal verbunden ist. Colonel Stuart Herrington, Chef der Spionageabwehr der US-Armee in Deutschland. Herrington hat Yildirim, wie kann es anders sein, im Auto Craft Shop kennen gelernt. Da half ihm der "Meister", sein Auto zu restaurieren.

Im Mai 2003 ist Stuart Herrington in Berlin, ein echter Militär der alten Schule. Seine 63 Jahre sieht man ihm nicht an, er bereitet sich gerade auf eine Reise in den Irak vor. Noch einmal hat ihn die Army zu Hilfe gerufen. Wir treffen uns in Lichterfelde auf dem Gelände der ehemaligen Andrews Barracks. Herrington ist nicht gut zu sprechen auf Yildirim. Schließlich hat der unter seiner Nase spioniert. Dass er ihn persönlich kannte, ja ihn sogar einmal zu Hause in Zehlendorf empfing, macht die Sache nur noch schlimmer. "Der Meister kannte keinen Unterschied zwischen Ost und West", sagt Herrington. "Er bezeichnete sich als apolitisch, sozusagen als über den Dingen stehend. Ich glaube, er war sich überhaupt nicht bewusst, welchen Schaden er anrichtete und welche Konsequenzen das hätte haben können." Gerade darum hätte er ihn auch stoppen sollen, in jenem Sommer 1983, als Yildirim sich an die schwarze US Amerikanerin Ella Petway heranmachte, eine Russisch-Dolmetscherin, die ebenfalls auf dem Teufelsberg tätig war. Er beginnt ein Verhältnis mit ihr und will auch sie anzapfen. Aber Petway ist zu labil. Sie trinkt. Auch die Genossen von der HVA befinden sie für nicht geeignet. Statt einer weiteren Quelle bekommt Yildirim eine Ermittlung an den Hals. Der eifersüchtige Freund der Petway schwärzt ihn bei Herringtons Abteilung als DDR-Spion an . Der "Meister" schafft es, sich aus der Affäre zu ziehen. Beim Verhör ist ausgerechnet Herringtons Kollege Captain Parada, natürlich ein Autonarr, der auch regelmäßig im Auto Craft Shop verkehrt, der größte Fürsprecher des vermeintlichen Spions. "Natürlich hatte ich Herzklopfen", sagt Yildirim. "Aber der glaubte überhaupt nicht, dass ich ein ostdeutscher Agent sein sollte. Er fragte: Bist du ein kommunistischer Spion ? Glauben Sie das?, fragte ich. Er antwortete: Nein. Ich habe", sagt Yildirim, "sehr clever eine kritische Situation gemeistert." Heute darauf angesprochen, reagiert Herrington ziemlich dünnhäutig. Er sei damals nicht verantwortlich gewesen, betont er mehrmals. Eine beeidigte Aussage des FBI-Special-Agent Charles Youmans, Jr., der heute im FBI-Büro von Houston sitzt, steht dagegen. Nach Yildirims Verhaftung geriet der Colonel selbst ins Visier des FBI, als klar wurde, dass er Yildirim persönlich kannte. Und so fand die unglaubliche Agentenkarriere Yildirims ihre Fortsetzung. James Hall wurde 1986 nach Frankfurt am Main versetzt, wo er für das 205 MI Bataillon dem 5. Corps zuarbeitete, einer Einheit, die mit dem Nato-Hauptquartier verbunden war. Hier hatte Hall Zugang zu noch brisanteren Dokumenten. Auf die Frage, was für Dokumente das waren, weicht Yildirim allerdings aus. Sein Botschafter habe ihn angewiesen, nicht darüber zu sprechen. Nach einigem Drängen sagt er schließlich: "Manches hat James Hall mir erklärt. Die Dokumente mit der Aufschrift Top Secret Noforn kannten zum Beispiel nur vier Leute in den gesamten USA. Das waren Papiere, die sogar höher klassifiziert waren als Nato-Dokumente. Keine andere Nation als die USA durfte sie kennen. Solche Dokumente waren das".

Was weder James Hall noch die HVA wussten: Yildirim kopierte die Dokumente und versteckte sie an mehreren Stellen in Berlin, so in einem Keller in der Rankestraße 32 und auf einem Friedhof am Innsbrucker Platz. Eines davon war die Studie Canopy Wing. Sie ist bis heute streng geheim. Sie liegt in der Birthler-Behörde, aber die rückt sie nicht heraus mit dem Hinweis auf "Befreundete Geheimdienste". Auch die Quick und ihr damaliger Redakteur Andreas Paetzold, heute Chefredakteur des Stern, besaßen die Papiere, die sie in der Wendezeit einem geldgierigen HVA-Mitarbeiter für 10 000 DM abgekauft hatten. Doch schon kurz nach einem Artikel erscheint die Staatsanwaltschaft 1990 in Begleitung der amerikanischen MP und konfisziert die Dokumente. Markus Wolf und Generalmajor Horst Männchen, der Chef der Funkaufklärung der DDR, erklären den Inhalt der Studie so: Canopy Wing ist ein Angriffsplan der Amerikaner, ein Planspiel, das ausloten soll, ob ein atomarer Erstschlag gegen den Warschauer Pakt nicht doch noch zu gewinnen sei. Dabei werden bereits 1986 Techniken verwendet, die später im Jugoslawien- und im Irak-Krieg eingesetzt werden. Mittels ausgefeilter Technik ist die US-Army schon damals in der Lage, sich getarnt in den Funkverkehr des Gegners, zum Beispiel der Luftstreitkräfte, einzuloggen. Ist das gelungen, kann man die gegnerischen Kampfflieger sozusagen "fremdsteuern", ohne dass diese es merken, so dass diese ihre eigenen Truppen oder Einrichtungen bombardieren. Es folgen noch weitere Dokumente dieser Tragweite, bis James Hall 1987 in die USA zurückversetzt wird. Zu dieser Zeit lebt Yildirim bereits mit der US-Amerikanerin Peggy Bie im Wedding in der Maplaqueestraße. Peggy Bie war Organistin und für einige Jahre nach Berlin gekommen, um für ihre Doktorarbeit zu recherchieren. Mit einem riesigen Wohnmobil landet sie eines Tages auch im Auto Craft Shop. Der "Meister" verliebt sich in sie und repariert das marode Gefährt. Fortan sind beide ein Paar.


Heute sagt Hüseyin Yildirim: "Ich konnte meiner Frau diese Affären nicht erklären, ob Ella Petway oder Peggy. Sie waren Teil meiner Arbeit als Agent, darum habe ich meine Familie, Frau und zwei Kinder, damals verlassen." Peggy Bie war Amerikanerin, Yildirim besuchte sie immer öfter, sie wohnte in Tampa und hatte ein Strandhaus. Schon immer wollte Yildirim in die USA, offensichtlich war Peggy für ihn eine Art Eingangstür. So grotesk es erscheint, er liebte Amerika, obwohl er die USA verriet. "In der Geheimdienstarbeit liegen Sinn und Unsinn oft beieinander", sagt Markus Wolf. Anders lässt sich wohl nicht erklären, dass Yildirim 1987 schließlich in die USA zu Peggy zieht und seinen Dienst bei der HVA quittiert. Oberst Klaus Eichner und seine Kollegen "entpflichten" den Agenten und entlassen ihn mit einer Medaille und dem Verbot, in den USA jemals Kontakt zu James Hall aufzunehmen. An seine Stelle als Kontaktmann zu Hall wird der Ost-Berliner Manfred Severin, Englischlehrer an der Humboldt-Universität, gesetzt. In den USA verlebt Yildirim zunächst eine glückliche Zeit. Er lebt im Rentnerparadies Florida und kümmert sich rührend um die an Alzheimer erkrankte Mutter seiner Freundin Peggy Bie. In Ost-Berlin hat Manfred Severin aber keine Lust mehr auf die DDR. Er nimmt Kontakt mit den Amerikanern auf, als HVA-Agent kann er ab und an in den Westen reisen. Roger Clifford, damals undercover Agent der CIA, trifft sich am Flugplatz Tegel mit Severin und fährt anschließend zwei Stunden mit dem hochnervösen Mann im Auto die Stadtautobahn hoch und runter. Bei dieser Fahrt erzählt Severin von einem amerikanischen Offizier, bei dessen Treffen mit der HVA er, Severin, zweimal anwesend war. Dieser habe eine deutsche Frau, stamme aus New York und arbeite auf dem Teufelsberg. Das und einige Details mehr reichen Col. Stuart Herrington und seinen Männern, um nach kurzer Zeit James Hall als Spion zu enttarnen. Im August 1988 starten sie eine totale Überwachung des Verräters, der mittlerweile mit seiner Familie in dem noblen Richmond Hill bei Savannah Georgia lebt. Am Arbeitsplatz installiert das FBI Videokameras, Hall steht 24 Stunden unter Beobachtung der FCA-Agenten. Ihr Ziel: Ihn auf frischer Tat erwischen. Als Gegenleistung für seine Information schmuggelt die CIA Severin, seine Frau und den Hund in einem Fahrzeug aus der DDR. Roger Clifford, der die Aktion leitete, ist auch heute noch nicht bereit zu erzählen, wie genau das funktionierte. Severin wird nach Fort Meade gebracht, wo ihn schon Herrington erwartet. Eilig wird mit dem Bundesdeutschen Verfassungsschutz in Person von Dr.Rudi Servos und pikanterweise Klaus Kuron ausgehandelt, dass Severin später mit neuer Identität nach Westdeutschland umsiedeln kann. Im November 1988 macht Yildirim das, was ihm die HVA verboten hatte: "Ich rief James Hall an, weil ich dachte, er könnte in meine Diamantengeschäfte investieren, aber ich stellte schnell fest, dass er selbst Geld brauchte und darum unbedingt wieder den Kontakt mit der HVA wollte - oder dem KGB, das war ihm egal." In den USA zu spionieren ist gefährlicher als in Deutschland, hier gibt es kein Netz der HVA, und die Russen werden gut überwacht. Das weiß Yildirim, und er hat Angst, dass Hall in seiner Geldgier etwas Dummes tut und er selbst dabei hochgeht. Verzweifelt fliegt er nach Berlin und trifft General Harry Schütt. Mit dem Hinweis auf seine Verdienste erhält er von Schütt noch einmal 10 000 US-Dollar. Heute können oder wollen weder Schütt noch Eichner oder Wolf diesen Vorgang genau erklären. Yildirim behält 5 000 Dollar. Die andere Hälfte gibt er James Hall bei einem Treffen in Savannah. Aber das reicht Hall nicht. Herrington lässt jetzt den eingeflogenen Manfred Severin Hall anrufen. Severin offeriert Hall ein Treffen mit dem KGB in einem Motel. Hall beißt sofort an, wittert einen Zahltag.


Was
Yildirim befürchtet hatte, trifft nun ein. Ein Russe in Diensten des FBI gibt sich als KGB-Agent aus und wird von Severin Hall vorgestellt. Unter den Augen von Col. Stuart Herrington, der mit seinen Männern nebenan vor den Bildern der versteckten Kameras sitzt, übergibt Hall dem falschen Agenten CIA-Papiere und erhält dafür 60 000 US Dollar in Bar. Zuletzt unterschreibt er sogar eine Quittung. Nach drei Stunden wird James Hall verhaftet. Er bricht zusammen und legt sofort ein volles Geständnis ab. Neben seiner Karriere hat Hall auch seine Familie zerstört. Seine deutsche Frau Heidi und die zwei Töchter müssen den anschließenden Militärprozess in Fort Meade verfolgen, bei dem Hall die Todesstrafe droht. Einen Tag nach Hall wird Yildirim im Haus von Peggy Bie in Tampa verhaftet. Peggy Bie ist nicht zu Hause, als ich sie im August 2003 in Tampa besuchen will. Ein paar Tage zuvor hatte sie einen Herzinfarkt. Als sie von meinem Besuch hört, ist sie so begeistert, dass sie gegen den Willen ihrer Familie und des Arztes für einen Tag nach Tampa fliegt. Ich hole sie am Flugplatz ab, dem Arzt habe ich das Versprechen gegeben, sie am nächsten Morgen zurückzuschicken. "Hüseyin Yildirim war ein Doppelagent", verrät Peggy. Er traf sich mit Colonel Herrington in der Clayalle vor den Headquarters und übergab Dokumente." Eine völlig absurde Behauptung. Auf die Frage, wer Hüseyin am meisten geschadet hat während des Prozesses in Savannah, sagt sie traurig: "Ich vielleicht, weil ich ihm riet, nicht zu kooperieren und weil ich das sagte, was kein Amerikaner hören wollte, er war ein Doppelagent." Sie blättert dabei in Kisten voller kleiner Plastiktüten mit der Aufschrift "Evidence" - "Beweis" die sie vom FBI später zurückerhielt. Auf weitere Fragen kommt nichts, außer den Fantasievorstellungen einer Frau, die an ihrem tragischen Leben zerbrochen ist.


Die Beweise im Prozess sind überwältigend. Zudem belastet Hall Yildirim, der im Verlauf des Prozesses auch noch seinen Verteidiger verliert, weil der dem Gericht nicht würdig genug erscheint, in all die geheimen Akten Einblick zu erhalten. Sein Nachfolger Lamar Walter, ein erfolgloser Anwalt aus Savannah, wird ihm vom Gericht zugeteilt. Das Urteil kann auch er nicht verhindern: Lebenslänglich. In den nächsten fünfzehn Jahren kämpft nur die Familie für Yildirim - obwohl er sie verlassen hatte. Yildirim hatte sie in Briefen um Vergebung gebeten, und sie vergab ihm. Die Familie ist das Einzige, das ihn am Leben erhält. 1996 lernt er im Gefängnis den amerikanischen Anwalt James Nichols kennen. Nichols ist, anders als die US-Behörden, davon überzeugt, dass Yildirim seine Strafe abgesessen hat. Der engagierte Jurist, der zuvor schon erfolgreich die Indianer im Kampf um ihre Reservate vertreten hat, schreibt unablässig Petitionen und Gnadengesuche. Aber sowohl Clinton als auch Bush lehnen ab. "Die 15 Jahre waren wie dreißig Jahre für mich, eine unvorstellbare Qual", sagt Yildirim, "und ich bin froh, Sie heute hier bei meiner Familie treffen zu können." Zweimal war ich vergeblich in den USA, um Yildirim dort zu sprechen. Die US-Behörden lehnten ein Interview mit einem deutschen Journalisten ab. Einmal kam ich bis vor das Gefängnis, in der Tasche die Erlaubnis. Als ich bei 45 Grad in Pollock/Louisiana auf dem Parkplatz das Auto abgestellt hatte, musste ich von einer Dame in Uniform hören: Der Termin ist abgesagt.



Im
November 2003 bekommt Hüseyin Yildirim die erlösende Nachricht, dass er in die Türkei überstellt wird. Anwalt Nichols ist überrascht. Die Amerikaner stellen die Bedingung, Yildirim müsse seine Strafe in der Türkei absitzen. Aber schon einen Tag nach seiner Ankunft lassen ihn die Türken frei. Die türkischen Medien berichten in großen Artikeln, auch das Fernsehen belagert die Ferienwohnung der Familie in Istanbul. Am 8. Januar treffe ich ihn dort. "Ich komme bald nach Berlin zurück", sagt er zum Abschied. Als ich am Wochenende darauf mit meinen Kindern wie so viele Berliner auf dem Teufelsberg zum Drachensteigen gehe, schaue ich hinüber zum Hügel, wo heute noch die Abhörstation als leere Hülle steht, wie ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Hier spielte sich alles ab. Über ein Jahr habe ich mich mit dem Namen Yildirim beschäftigt, mit 40 Menschen gesprochen, die in einen der größten Spionagefälle des Kalten Krieges verwickelt waren, und natürlich mit dem Spion selbst. Aber weiß ich jetzt alles? Nein, gar nichts weiß ich, das denke ich, wenn ich die riesige Anlage sehe. ©Markus Thöss für die Berliner Zeitung